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Rolf Schwanitz aus Plauen erinnerte an den Umbruch in der DDR

Wenn in diesen Wochen auf die dem Fall der Berliner Mauer vorangegangenen Demonstrationen in der DDR zurückgeblickt wird, dann ist vorwiegend von Leipzig die Rede. Doch dabei wird übersehen, dass auch Plauen im Vogtland, die Heimat des ehemaligen Staatsministers im Kanzleramt, Rolf Schwanitz, zu den Keimzellen der Friedlichen Revolution von 1989 zählte. Daran erinnerte der Zeitzeuge der Ereignisse des Herbstes 1989, als er am Dienstagabend zur Eröffnung der Ausstellungen seiner Partei zum politischen Umbruch in der DDR („Wir haben die Machtfrage gestellt“ und „Fahrten in ein unbekanntes Land“) ins Lippstädter Stadtmuseum gekommen war.

Ein anonymer Aufruf genügte

„Es waren vor allem die Menschen in der DDR, die sich ihre Freiheit durch Beharrlichkeit, Entschlossenheit, Mut und ihrem friedlichen Widerstand selbst erkämpft und damit die SED-Diktatur gestürzt haben“, stellte die Landtagsabgeordnete Marlies Stotz als SPD-Stadtverbandsvorsitzende in ihrer Begrüßung zum Beginn der historischen Retrospektive heraus. Den Herbst 1989 und die Monate danach charakterisierte Rolf Schwanitz in der vom Kreistagsmitglied Dr. Nils Duscha und Ratsherrn Hans Zaremba geführten Gesprächsrunde als „die wichtigste Zeit in meinem politischen Leben“. Dass es in der Provinzstadt Plauen stärker brodelte als anderswo, lag nach seiner Einschätzung auch an ihrer Grenznähe und die damit verbundenen strukturellen Benachteiligungen. Überdies waren in Plauen besonders viele Ausreiseanträge zu verzeichnen und durch die 70.000 Einwohner große Stadt fuhren die Züge mit den Flüchtlingen aus der Prager Botschaft nach Westdeutschland. „Das war Stadtgespräch und heizte die Lage zusätzlich an.“ Für die Demonstration am Samstag, 7. Oktober 1989, mit rund 20.000 Menschen habe ein anonymer Aufruf genügt. Von da an sei in Plauen bis zu den ersten und einzigen freien Wahlen der Ostberliner Volkskammer im März 1990 wöchentlich demonstriert worden. Der heute 55jährige trat im Oktober 1989 dem „Neuen Forum“ und einen Monat später der im Osten neugegründeten Sozialdemokratie (SDP) bei und betonte: „Die Gründung der SDP hat einen besonderen Platz in der Geschichte der Friedlichen Revolution.“ Der Gründungsaufruf der ostdeutschen Sozialdemokraten stamme bereits vom 24. Juli 1989 und somit seien sie im zeitlichen Ablauf die erste von insgesamt vier Oppositionsorganisationen im Herbst 1989 gewesen. „Viel wichtiger jedoch war, dass die Gründungsväter der SDP, Martin Gutzeit und Markus Meckel, von Anfang an eine klare, feste und verbindliche oppositionelle Organisation wollten“, unterstrich Rolf Schwanitz den Anspruch der SDP als sozialdemokratische Partei und widersprach den wahrheitswidrigen Behauptungen der SED, sie sei 1946 aus einem freiwilligen Zusammenschluss der SPD und KPD entstanden und alleinige Interessvertreterin der Arbeiterschaft zu sein.

Reisefreiheit eine historische Zäsur

Den Mauerfall und die damit verbundene plötzliche Reisefreiheit aller DDR-Bürger empfindet der ehemalige Bundestagsabgeordnete als „eine historische Zäsur, die man nicht erwartet hatte“. Weder die nach dem Abgang der alten SED-Riege um Erich Honecker eingesetzte Regierung von Hans Modrow noch der „runde Tisch“ seien demokratisch legitimiert gewesen. „Deshalb war für uns zentral, möglichst schnell zu freien Wahlen und einer demokratischen Regierung zu kommen, um über diesen Weg zur deutschen Einheit zu gelangen.“ Für die Unterstützung der westdeutschen SPD, insbesondere auf der Ebene der Ortsvereine, sei man bis in die Gegenwart dankbar und in Willy Brandt habe man „eine wichtige Person für Identität und Richtung“ besessen. Als geradezu tragisch war für Rolf Schwanitz die Entscheidung der West-SPD bei der Kanzlerkandidatur: „Oskar Lafontaine schlug uns in dieser Zeit, aber auch in den folgenden Monaten mehrfach die Beine weg.“ Auch zur SDP-Entscheidung, keine SED-Mitglieder aufzunehmen, bezog der Vogtländer Position: „Als die SED zerfiel, gingen fast alle ihre Mitglieder in die Parteilosigkeit und Warteschlangen vor den SDP-Büros hat es nicht gegeben.“ Der Anlass für den Aufnahmestopp sei ein Sonderfall in Dresden gewesen, wo der damalige SED-Oberbürgermeister mit angeblich mit 10.000 seiner Getreuen in die SDP wechseln wollte. „Das war wohl mehr der Versuch einer feindlichen Übernahme als der einer Verstärkung“. Insofern sei die Reaktion der SDP nach seiner Beurteilung richtig gewesen. Ob 25 Jahre nach dem Mauerfall die Zeit dafür reif sei, mit Bodo Ramelow erstmals einen Politiker der Linken zum Regierungschef in einem der neuen Bundesländer zu wählen, meinte der SPD-Mann aus Sachsen: „Es geht nicht um die Zeit, sondern, ob in der Linkspartei die Verklärung der eigenen Vergangenheit als diktatorischen Staatspartei beendet und unsere freiheitliche Demokratie tatsächlich angenommen worden ist. Beides muss ich für nicht unbedeutende Teile der Linkspartei verneinen. Deshalb habe ich mich auch dagegen ausgesprochen, dass die thüringische SPD einen Ministerpräsidenten dieser Partei ins Amt hebt.“

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